1947 wurde in Berlin ein kleines Büchlein veröffentlicht, das vom Schicksal eines erfolglosen Provinzschauspielers erzählt, dem allein seine Ähnlichkeit mit Friedrich dem Großen zur Rolle seines Lebens verhilft, an deren unabsehbaren Auswirkungen er jedoch schließlich tragisch scheitert. Der Autor der Novelle, Georg C. Klaren, bereits seit den frühen 1920er Jahren als Filmautor tätig, war zu diesem Zeitpunkt Chefdramaturg der jungen DEFA, wo er auch als Regisseur hervortrat. Die Edition Terra und der Potsdamer Herausgeber Klaus Büstrin haben es sich zur Aufgabe gemacht, genau solche historischen Ausgrabungen mit Potsdam-Themen aufzuspüren und neu zu editieren. Mit Illustrationen aus historischen Filmprogrammen.
Rezension von Adreas Flügge,
RBB, Antenne Brandenburg
Georg C. Klaren, den kennen nur noch wenige: Ein österreichischer Regisseur und Drehbuchschreiber, der nach eigenen Angaben mehr als 180 Drehbücher verfaßt hat und vor allem mit der Büchner-Verfilmung "Wozzeck" 1947 international bekannt geworden ist. Damals war er erster Chefdramaturg der DEFA, ging aber kurze Zeit später zurück nach Wien. Das soll uns mal als Lebensabriß genügen.
Diese Novelle trägt den Untertitel "Wie Friedrich der Große zum Film kam".
Was kann uns faszinieren an diesem nicht sehr dicken Büchlein?
Daß es gut geschrieben ist, witzig, gleichzeitig tragisch und voller Symbolgehalt. Es ist nämlich die Geschichte eines völlig mittelmäßigen Schauspielers, der zufällig in den 20er Jahren für die Rolle des "Alten Fritzen" entdeckt wird, weil er genau so aussieht wie auf den alten Bildern von Adolph Menzel - wir kennen ja alle z.B. das Flötenkonzert von Sanssouci. Dieser Schauspieler heißt Ulrich Langesser, das ist ein fiktiver Name, wie auch die ganze Handlung fiktiv ist: Dieser Langesser spielt den Königs in etlichen Filmen und auch bei diversen Auftritten so überzeugend, daß er diese Rolle mit ins Private nimmt, bis er am Ende selber glaubt, der große König zu sein; er spielt sozusagen als Seine Majestät den Schauspieler Langesser. Das funktioniert umsomehr, weil das zur einzigen Rolle wird, die das Leben noch von ihm fordert, und alle jubeln ihm zu. Und Langesser kostet das aus, spricht auch so wie der Alte Fritz, geht mit der Familie und Freunden so um - und wird letztlich davon besessen, sprich: verrückt.
Das gipfelt in einer Szene, die dann schon in der Nazizeit spielt - Langesser will seinen revoltierenden Sohn aus dem Gefängnis befreien - Vater-Sohn-Konflikt wie beim Alten Fritzen! - und stürmt nun als Alter Fritz uneingeladen auf einen Ball des Propagandaministers, versucht sich den Weg zu bahnen mit den Worten "Mach Er den Weg frei, Dummkopf... Sein König muß ihm die Parole nicht sagen!" und verlangt, daß sein Statthalter verständigt werden müsse. Sein Statthalter, das ist Hitler.
Man hat bei dieser Szene die Filmbilder aus dem Film "Mephisto" vor Augen - der Staatsschaupieler Hendrik Höfgen, der als Faust den Pakt mit den Mächtigen schließt... Und diese Novelle hier, die hat Georg C. Klaren 1947 vermutlich auch als Drehbuchsujet geschrieben, man sieht regelrecht beim Lesen den Film vor sich.
Da könnte man vermuten, diese Novelle sei die Geschichte des Schauspielers Otto Gebühr, der ja damals großen Erfolg hatte als Darsteller des Preußenkönigs in 10 solcher Filme...
Der hat sich ja auch nur vom jugendlichen Liebhaber zur facettenlosen Autorität hochspielen können, weil man ihn für die Rolle des Alten Fritzen entdeckt hat; er ist aber nicht verrückt geworden darüber, sondern 1938 sogar noch Staatschauspieler.
Georg Klaren hat SEINEN Gebühr natürlich symbolhaft aufgebohrt - für eine Lebensgeschichte eines in allem mittelmäßigen Menschen, der das Leben als Rolle begreift und umgekehrt, und von anderen mittelmäßigen Menschen dafür gefeiert wird; und das und dieser Größenwahn, das ist für mich auch die ganz große Parallele zum Gröfaz, zum größten Führer aller Zeiten.
Kein Buch für Cineasten, alles in allem, obwohl: Der Schauspieler Langesser kommt ja in den 20er Jahren vom Theater zum Film, und Klaren schildert das sehr schön, wie's da "am Set" langging damals. Von den Kinderkrankheiten, daß nicht mal alle Hauptdarsteller zum Drehbeginn ein Manuskript hatten - von Kleindarstellern ganz zu schweigen... Aber ich glaube, Filmfreaks wissen sowas alles. Andererseits ist das Buch nun auch nicht die große gesellschaftliche Anklage, die man erwarten würde bei so einem Thema - da liegt Klaus Mann mit seinem "Mephisto" unangefochten vorne. Filmstoff wäre es allemal - ich sag mal bloß: 2012, da wird Friedrich der Große 300, das wär'n schöner Spaß und 'ne schöne Gelegenheit für den Film, sich mal selber auf die Schippe zu nehmen.