Quer durch den OSTEN Brandenburgs

 

 

Unterwegs zu Seeadler, Wiedehopf und Co.

Mit der Rangerin Carolin von Prondzinsky auf Radtour zum Barzlin

© Foto: Naturwacht/Rangerin Carolin

Carolin erwartet uns schon. Sie steht mit ihrem Rad vor der alten Schule in Lübbenau. Exakt 120 Jahre alt ist das Haus aus roten Klinkern. Einst war es Schule, dann Wohnhaus und heute ist es das „Haus für Mensch und Natur“, das Besucherzentrum des Biosphärenreservats Spreewald. Bevor wir in die Pedalen treten, sollen wir unbedingt noch die interaktive Ausstellung anschauen, meint die Rangerin. Denn hier wird alles gezeigt und erklärt, was den Spreewald so einzigartig macht – der Spreewald en miniature sozusagen: Storch, Biber, Fischotter, die Teichrose werden mit ihren Lebensräumen vorgestellt und Spreewälder erzählen von ihrer Heimat. Die Kinder können Fische am Monitor fangen, in eine „Biberburg“ kriechen oder wie ein Otter unter Wasser die Luft anhalten. Wer schafft es länger? Das macht natürlich Spaß. Jetzt aber los! Okay, der knapp 20 Kilometer lange Rundkurs ist nicht die große Herausforderung für einen Radler. Aber wir wollen uns Zeit lassen, um die Landschaft zu erkunden und Tiere zu beobachten. Wir radeln durch das Torbogenhaus, in dem das Spreewald-Museum seine Schätze zeigt. Wenige Meter weiter geht es rechts rein – Kampe nennt sich der Weg. Er führt zur Gurkeneinlegerei Krügermann. In diesem Betrieb – einer von mehreren in Lübbenau – werden seit über 100 Jahren in vierter Generation die berühmten Spreewälder Gurken eingelegt: Gewürzgurken, saure Gurken, Senfgurken. Nach streng gehüteten Familienrezepturen, versteht sich. Auch Sauerkraut wird hier noch nach alter Tradition gestampft und mit Salz in großen Bottichen gelagert. Von Kampe geht es nun links in die Wiesenstraße, die uns zur Stennewitzer Ringstraße bringt. Ach, welch' schöne Sichten! Denn die Straße folgt dem Lauf der Fließe „Alte Stennewitzer Kahnfahrt“ und „A-Graben Steinkirchen“. Dann biegt Carolin rechts ab: Wir passieren die Brücke mit Wehr über die „Zerkwitzer Kahnfahrt“, fahren auf dem Damm am „A-Graben Steinkirchen“ weiter und erreichen schließlich die Hauptspree. Träge und geheimnisvoll-dunkel fließt das Wasser. Die Brücke hinüber ist das Tor zum Naturschutzgebiet Innerer Oberspreewald, erfahren wir von Carolin. Hier wechseln sich Felder und Wiesen ab mit kleinen Wäldchen, die durchzogen sind von Gräben und Kanälen. Barzlin nennt sich das rund vier Hektar große Gebiet, das wie eine Insel ein bis zwei Meter höher liegt als der Rest. Weil wir dies aber nicht sehen, muss es uns Carolin mal genauer erklären.

Eine Erhebung in der Spreeaue

Der Barzlin ist eine sogenannte Talsanderhe­bung in der Spreeaue, sagt unsere kundige Be­glei­tung. Und weil das Gebiet vor Überschwemmungen etwas sicherer war, siedelten sich hier schon vor mehr als 3.000 Jahren Slawen an. Das wurde bei Ausgrabungen festgestellt. Sogar eine Burg stand hier einst. Von den Wohnhäusern und Stallungen ist aber nichts mehr übrig. Nur die alte Streuobstwiese blieb erhalten. Schmetterlinge und andere Insekten sorgen dafür, dass die Obstbäume bestäubt werden. Von den reifen Früchten ernähren sich Igel und Co. Und der seltene Steinkauz findet in den alten, knorrigen Bäumen Nistplätze, die ihn vor dem größeren Waldkauz schützen. Aha, wieder was dazugelernt. Gerade wollen wir in die Pedalen treten, da zeigt die Rangerin zum Himmel: Über uns kreist still ein Vogel. Aber was für einer, rätseln wir noch. Ein Milan, erkennt Carolin sofort.

Bei Kiebitz und Wiedehopf

Nur wenige Meter weiter gelangen wir zum Bohlensteg am „Burg-Lübbener-Kanal“ und am Großen Fließ. Rechter Hand geht es zur Schleusen- und Wehranlage, übrigens ein schöner Rastplatz. Ein Picknick haben wir gar nicht dabei, nur unsere Trinkflaschen. Schade eigentlich … Am Ende des Weges erreichen wir einen breiten Damm. Nach links oder rechts? Carolin fährt nach links und stoppt schon nach wenigen Metern. Wir haben unsere wichtigste Tour-Station erreicht: den hölzernen Beobachtungsturm Barzlin. Carolin packt ihr Fernglas aus und tastet von oben aufmerksam die Wiese vor uns ab. Lässt sich der Schwarzstorch heute bei der Futtersuche blicken? Gerade mal zwei bis drei Paare des seltenen und scheuen Vogels brüteten in den letzten Jahren im Biosphärenreservat Spreewald. Doch ganz anders als der größere Weißstorch baut er sein Nest geschützt in Bäumen im Wald. Auch Kiebitz, Wiedehopf und die Rohrdommel lassen sich mit etwas Glück auf der gemähten Wiese ausmachen. Ab und an schauen die Ranger der Naturwacht hier nach dem Rechten. Wir sind ganz still und gucken angestrengt ins satte Grün. Da! Ist das nicht … Nein, der Schwarzstorch ist heute nicht zu sehen. Hoffentlich ist alles in Ordnung, macht sich Carolin Sorgen. Plötzlich schlägt über uns ein Seeadler schwer die Flügel. Er schleppt einen großen Fisch in den Krallen. Carolins Fernglas wandert von Hand zu Hand. Mist, auch daran haben wir nicht gedacht. Der Seeadler verschwindet im nahen Wald. Da wird sich der Nachwuchs aber freuen, sagt Carolin von Prondzinsky lächelnd.

© Foto: Frank Kuba

Allzu häufig ist der prachtvolle Seeadler nicht, der sich mit seinem stattlichen Gewicht von bis zu sechs Kilogramm sehr elegant am Himmel bewegen kann. Im Spreewald aber findet der größte Greifvogel Europas seine Ruhe und ge­nügend Platz zum Jagen. Solche Momente machen die 32-jährige Berlinerin einfach glücklich. Sie lassen das anstrengende tägliche Pendeln zwischen der Hauptstadt und Lübbenau fast vergessen. Studiert hat Carolin Landschafts­nutzung und Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, hing danach noch das Masterstudium im nachhalti­gen Touris­mus­management ran, erzählt sie uns. In der Natur fühlt sie sich wohl und findet es einfach toll, wenn sie dieses Lebensgefühl auch anderen bei Ranger-Exkursionen vermitteln kann. Lebens­mittelpunkt ihrer Familie wird aber Berlin bleiben. Vorerst jedenfalls.

Stopp an der Wotschofska

Was? Schon so spät? Über eine Stunde haben wir hier oben auf dem Turm verbracht – Vögel beobachtet, aber auch viel gequatscht. Schließlich ist man nicht jeden Tag mit einer Rangerin unterwegs. So langsam müssen wir wieder nach Lübbenau. Wir schnappen uns die Räder, fahren die rund 50 Meter zurück und dann weiter Richtung Osten parallel zum „Quergraben“ bis zur Kreuzung. Hier biegen wir rechts ab und folgen nun dem Weg am „Martinkanal“, der bis in die größte Streusiedlung Deutschlands nach Burg (Spreewald) führt. An der Milchviehanlage der Agrargenossenschaft Radensdorf aber fahren wir nach rechts, Richtung Süden, und an der zweiten Wegegabelung nach links. Wir radeln auf einer Betonplattenstraße immer am Großen Fließ entlang, das wir ja schon kennen. An einer großen Weggabelung gelangen wir zur Brücke und wech­seln die Uferseite. Linker Hand gruppieren sich Wäldchen am Ufer, rechter Hand tun sich weite Wiesen auf. Ein schönes Landschaftsbild, voller Ruhe und Harmonie. Wo sich der Wald auftut, zeigt sich ein Wehr. Eine kurze Pause – und schon geht es weiter bis zum Wehr­kanal, dem wir nun folgen. Wir treffen auf den „Gestell­kanal“ – welch' lustige Namen für all die klei­nen Fließe, die die Sorben und Wenden hier einst schnurgerade durch die Landschaft zogen –, fol­gen diesem bis zum „Spreewaldhofgraben“ und biegen hier links in den Weg ein, der uns direkt zum Gasthaus „Wotschofska“ bringt. Dieser sorbische Name bedeutet soviel wie „Erleninsel“. Seit 1894 gibt es hier eine Gaststätte, die bis 1911 nur auf dem Wasserweg erreicht werden konnte. Heute führt ein Rad- und Wanderweg von Lübbenau hierher, den auch wir nehmen werden. Aber jetzt wollen wir uns erst einmal stärken, denn soviel frische Luft macht hungrig. Es sitzt sich richtig gemütlich am Wehrkanal und es gibt viel zu sehen: Im Fünf-Minuten-Takt legen jetzt in der Saison die Spreewaldkähne und Paddler an und ab.

Mit Rad und Power über die „Bänke“

Gestärkt und etwas träge nehmen wir schließlich die letzten 3,4 Kilometer unter die Räder. Erlen und Birken säumen den schönen Weg. Aber die Idylle ist trügerisch. Insgesamt 14 Stege und Brücken – die im Spreewald völlig verwirrend „Bänke“ heißen – müssen wir bewältigen, sprich: Räder schleppen. Denn die meisten Brücken haben Stufen und sind recht hoch. Dafür gibt es einen simplen Grund. Hier müssen die Kahnfährleute mit ihren langen Stangen zum Staken der Spreewaldkähne gut durchpassen. Carolin, unsere 1,80-Meter-Powerfrau, lacht und fährt voran. Also, tief durchatmen und los! Ein bisschen außer Puste erreichen wir schließlich die Spreestraße und wenig später den Lübbenauer Kirchplatz. Carolin sagt schnell Tschüss, sie muss gleich zum Zug. Wir stellen die Räder ab, setzen uns gegenüber der Touristinfo in die Sonne und genießen noch einen Kaffee. Was für ein herrlicher Tag!

Naturwacht Spreewald

Haus für Mensch und Natur
Schulstraße 9
03222 Lübbenau

Tel. (035 42) 87 91 68

luebbenau[at]naturwacht.de

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