Quer durch den WESTEN Brandenburgs

 

 

Von den großen Tieren lernen

Bei den „Kuhflüsterern“ in Zempow

Tausende Jahre lang lebten Menschen mit Herdentieren. Sich mit ihnen zu verständigen, war Alltag. Heute haftet der Tierkommunikation der Hauch des Esoterischen an. Ein Irrtum, denn wer die feine Herdensprache von den Tieren lernt, kann eine Menge über sich selbst erfahren. Probieren Sie es selbst, beim „Kuhflüs­tern“ auf der Bio Ranch in Zempow. Mit Dr. Wilhelm Schäkel, Chef der Bio Ranch, sprach Jana Weinert vom terra-press-Team.

Für wen bieten Sie Seminare im „Kuhflüstern“ an?

Wir sagen augenzwinkernd: „Kleine Menschen gehen zu kleinen Tieren, große Menschen zu großen Tieren.“ Familien mit kleinen Kindern gehen eher zum „Schaf­flüstern“, Erwachsene und Jugendliche zum „Kuhflüstern“. Wir bieten Fachseminare für Landwirte und Seminare für Laien. Wir freuen uns über jeden Interessierten. Auch Radio und Fernsehen waren schon hier.

Man lernt die Sprache der Herdentiere. Was ist das für eine Sprache?

Zunächst ist es Körpersprache. Blicke, Gesten, Haltung, Impulse, mit Gefühlen verbunden.

Was überträgt sich da?

Wir wissen es nicht wirklich. Auch beim Menschen werden lediglich 10 Prozent einer Botschaft verbal vermittelt. Alles andere ist nonverbal. Bis zu 30 Prozent vermitteln wir allein über die Stimmschwingung.

Wie nähere ich mich der Herde?

Auf der Weide arbeiten wir mit dem Drei-Zonen-Modell. Die Respektzone beginnt in 120 bis 80 Metern Entfernung. In der mittleren Zone zeige ich mich als gleichwürdiges Herdentier und könnte auch Rechts-Links-Impulse geben. In der Nahzone wird das Fühlen wichtig. Hier sind eher Vorwärts-Rückwärts- und „Ich lade dich ein“-Impulse möglich. Was wir lernen, ist Hirtensprache, gewaltfreie Kommunikation, bei der die Herde den Menschen als ranghohes Tier anerkennt und für ihn etwas tut, weil er sie dazu eingeladen hat. Also zum Beispiel, ein Stück zu gehen, um die Koppel zu wechseln und dabei als Herde zusammenzubleiben.

Braucht das eine besondere Begabung?

Eher eine Bereitschaft. Im Kontakt mit den Tieren sind Gefühle wichtig. Im Alltag wird versucht, uns die Gefühle abzutrainieren, damit wir sachorientiert arbeiten. Wir erleben aber alles auch emotional. Und wenn wir die Gefühle nicht verarbeiten, können wir krank werden. Je nach Konstitution. Menschen, die Kontaktschwierigkeiten haben, oder Kinder mit ADHS – sobald sie in der Herde sind, ist das einfach weg. Die Tiere wollen, dass wir sind wie wir sind und frei von negativen Gefühlen. Ich meine nicht, dass die negativen Gefühle nicht sein dürfen. Wenn wir sie bewusst annehmen, wandeln sie sich meist schon in etwas Positives. Denn mit unterschwelliger Angst gelingt das „Kuhflüstern“ nicht. Wenn ich Erfolgsdruck oder Zweifel habe, gelingt es auch nicht. Für ein Herdentier ist das nicht akzeptabel. Es will uns dann aus der Herde raushaben. Und wir sind hier, um von den Tieren zu lernen. Angst und Druck sind Wolfssprache.

Wolfssprache?

Ja, Raubtiersprache. Wolf steht synonym für Raubtier. Und Raubtiere verbreiten Angst.

Hatten Sie schon mal Angst vor einem Hund?

Es kam schon vor. Das, nur zehnmal stärker, empfinden Beutetiere. Angst beunruhigt die Herde.

Leben Herdentiere angstfreier, also mit mehr Vertrauen?

Ja. Die Herde steht für Vertrauen. Vertrauen ist die Basis für das „Kuhflüstern“. Deshalb ist Raubtiersprache zu vermeiden. Beispielsweise vermeide ich bewusst scharfes Kopfdrehen, das den Raubvogel symbolisiert. Oder mit den Händen fuchteln, das wirkt wie Krallen ausfahren und scheuchen. Schreien, Knallen, Hilfsmittel wie Pferde oder Hunde – das alles lassen wir weg.

Was passiert in den einzelnen Zonen?

Wenn mich das erste Tier der Herde wahrnimmt, indem es mir beide Ohren zuwendet, betrete ich die Respektzone. Die Kuh signalisiert: „Ich sehe dich.“ Und ich: „Ja, ich sehe dich auch, guten Tag.“ Ich halte inne, gehe einen Schritt zurück, bis das Tier eine eigene Entscheidung trifft. Am besten: Es nimmt den Kopf runter und grast weiter. Damit zeigt es der Herde: Da kommt einer, aber er stellt keine Gefahr dar. Er spricht einen harten Dialekt, aber im Grunde spricht er unsere Sprache und wir sind ja nachsichtig.

Und wenn ich mich den Tieren weiter nähere?

Das muss man erleben. Ab der mittleren Zone geht es um Gleichwürdigkeit und um den Rang. Auch um authentischen Selbstausdruck. Die Kühe sehen genau, ob da jemand zu Hause ist. Wenn einer mit den Gedanken umherschweift, merken sie es und verlieren das Interesse. Also: Kopf ausschalten, sehen, lauschen, fühlen, spüren und sich auf die Tiere einstimmen.

Sie sagten, der Kuhflüsterer will als ranghoch angesehen werden. Wie vermittelt er das?

Ranghohe Tiere setzen sich eigene Ziele und haben trotzdem die ganze Herde im Blick. Wenn die Tiere mich anerkennen, sind sie bereit, Impulse von mir anzunehmen. Ich finde also ein Ziel, das mir gefällt. Zum Beispiel die Birke dahinten. Und ich spüre, wo sich Wege dorthin öffnen, ohne die Herde zu teilen. Dann gehe ich im Zickzack auf mein Ziel zu. Der Blick ist wichtig. Ich weite ihn zum ganzen Blickfeld. Nicht fokussieren. Fokussieren ist Raubtierblick.

Wie kann ich mir die Impulse vorstellen?

Zunächst geht es darum, mit den Tieren in Resonanz zu sein. Impulse setzen wir erst, wenn ein Moment der Balance erreicht ist. Das spürt man. Für Standort und Bewegungsrichtung ist einiges zu beachten. Das lernt man aber. Der Impuls sollte für das Tier klar verständlich sein. Angenommen ich möchte, dass die Kuh nach links geht. Zunächst achte ich auf die Ohrensprache. Sind beide Ohren auf mich gerichtet, ist zu viel Spannung da. Ich gehe wieder einen Schritt zurück. Gut ist, wenn ich nur ein halbes Ohr bekomme. Das Tier ist bei mir und zugleich ist es entspannt. Der Impulspunkt sitzt bei der Kuh in der Schultergegend. Ich gebe mit meinem Körper über eine kleine Bewegung einen klaren und richtunggebenden Impuls. Rein körpersprachlich, aus der Hüfte heraus. Dann geht die Kuh für mich nach links.

Aus der Entfernung, ohne Wort und Berührung bewegen Sie die Kuh!?

Ja, die Kuh wird über körpersprachliche Sig­nale eingeladen und bekommt einen Schwingungsimpuls. Wenn wir gut in Kontakt sind, dann führt sie für mich oder den jeweiligen Teilnehmer die Aufgabe aus. Ich bin eher jemand, der die Tiere aus der mittleren Zone heraus bewegen kann, so ab 30 Meter Entfernung. Andere sind für die Nahzone begabter. Wenn die Tiere eine Aufgabe erfüllt haben, vermitteln sie einen Moment tiefster Zufriedenheit und Ruhe.Den zu spüren, erfüllt einen selbst mit Freude und Dankbarkeit.

Gibt es Risiken? Ich meine, das sind große Tiere mit enormer Kraft.

Richtig, 500 Kilo pralles Leben. Unfälle passieren immer in Stresssituationen, wenn Tiere sich bedroht fühlen. Wir arbeiten stressarm. Wichtig ist, jeden Druck rauszunehmen. Auch emotionalen Druck. Unter Druck erstarren die Tiere, fliehen oder greifen sogar an. Die Methode heißt Low Stress Stockmanship. Stressreduktion ist die beste Versicherung für die Berufsgenossenschaft. Bei uns ist noch niemand beim „Kuhflüstern“ zu Schaden gekommen.

Wie läuft so ein Tagesseminar ab?

Anfangs gibt es ein wenig Theorie. Und dann geht es raus auf die Weide. Wobei der Weg schon einiges bietet – Schafe, Pferde. Alles inmitten schöner Landschaft. Der Weg stimmt uns ein, die Sinne zu öffnen, ins Fühlen zu gehen. Allein das Lauschen ist für Städter immer wieder ein Aha-Erlebnis. Wussten Sie, dass unser Gehör eine Reichweite von fünf Kilometern hat? In der Stadt schaltet das Gehirn auf Nahbereich, um nicht überlastet zu werden von der Reizflut. Bei uns kann man wieder in die Weite hören. Auf der Weide geht es dann gleich ans Üben. Mittags gibt es leckeres selbstgekochtes Essen. Danach arbeiten wir weiter mit den Tieren. Manchmal gehen wir noch zu den Schafen, weil man mit ihnen die Wirkung der Kommunikation schneller erlebt. Am Ende des Tages hat jeder mit sich selbst ganz neue Erfahrungen gemacht.

Was spricht der Mensch eigentlich? Herden- oder Raubtiersprache?

Unsere Strukturen sind dominiert vom Raubtierdenken. Da wird Spannung und Druck aufgebaut. Man ist auf ein Objekt oder Ziel fokussiert, jagt einer Sache nach. Man muss etwas Bestimmtes haben, ist getrieben. Angst wird als Mittel eingesetzt. Allein der Umgang mit Tieren! Eine Gesellschaft, die unwürdig mit Tieren umgeht, ist selbst unwürdig. Dabei sind wir soziale Wesen, mitfühlend. Beim „Kuhflüstern“ begegnet man der eigenen fühlenden und vertrauensvollen Seite wieder.

Was sollte jemand wissen, der sich für ein Seminar interessiert?

Er sollte sich bitte vorher anmelden. Wir machen hier so vieles, dass wir nicht sofort einspringen können. Für die Tiere ist von April bis November eine gute Zeit. Auf jeden Fall freuen wir uns auf weitere „Kuhflüsterer“.

Anreise-Tipps

In der Sommersaison fährt werktags ein Bus ab Rheinsberg, Bahnhof (ggf. Umstieg in Flecken Zechlin). A24 Abf. Wittstock, weiter Richtung Rheinsberg bis Flecken Zechlin, dann links halten

Weitere Angebote auf der Bio Ranch:

  • Landurlaub in Ferienhäusern für Erholung und Aktivitäten zu jeder Jahreszeit
  • verschiedene Seminare vom April bis Novem­ber, wie Sommeryoga oder Teamevents
  • Kinder- und Familienangebote wie z.B. Bioerlebnistage, reiten, Schafspaziergang, Kinder­geburtstage
  • Hanfanbau und Verkauf der Produkte, wie Hanfnüsse, Hanf-Mehl, -Öl und Hanf Matcha
  • Fleisch und Wurst aus eigener Produktion von den Angusrindern Hofladen
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