Abends in einer stillen Bucht oder einer netten kleinen Marina vor Anker gehen und ein Glas Wein trinken…

Sommer. Seen. Sehnsucht.

Mit dem führerscheinfreien Hausboot von Rheinsberg nach Liebenwalde

Ein Erlebnisbericht:

Urlaub! Endlich! Unser Sehnsuchtsort heißt in diesem Jahr: Rheinsberg. Jedenfalls für ein paar Stunden. Denn von hier wollen wir mit dem Hausboot – Martin hat rechtzeitig gebucht! – vier Tage über die Rheinsberger Seen, die Havel und ihre Seen bis Liebenwalde schippern. Das Blau des Wassers genießen, das mit dem Himmelblau verschmilzt. In den Tag träumen. Und uns überraschen lassen, was das Ruppiner Seenland für uns so bereithält. Abends in einer stillen Bucht oder einer netten kleinen Marina vor Anker gehen und ein Glas Wein trinken …

Rheinsberg empfängt uns sonnig-heiter. Hundertmal auf Fotos bewundert, zieht es mich zum berühmten Schloss. Was hatte ich gelesen? Preußens König Friedrich II. lebte hier mit seiner Frau von 1736 bis 1740. Da war er noch Kronprinz. Als er auszog, zog Bruder Heinrich ein und machte das Anwesen zum Refugium für Musik, Theater, Literatur. Theodor Fontane erlebte das Schloss dann 1853 im Dornröschenschlaf. Und der Schriftsteller Kurt Tucholsky verbrachte hier im August 1911 ein romantisches Wochenende mit seiner Freundin. Er schrieb die für damalige Verhältnisse frisch-frivole Erzählung „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“ mit Cläre und Wölfchen, die Autor und Stadt berühmt machten.

Stolz hält mir Martin den Charterschein entgegen. Es kann losgehen!

Martin drängelt. Er will zum Boot. Gut, das Schlossmuseum und das Kurt Tucholsky Literaturmuseum heben wir uns auf, wenn wir mit dem Boot zurück sind. An der Uferpromenade laufen wir vorbei am Ableger der Fahrgastschiffe zum Yachthafen. Hafenmeister Dirk Westphal der Reederei Halbeck erwartet uns schon. Er zeigt uns unser Hausboot „Moni“ mit Kajüte, WC, Küche und Heizung. Und das Tollste ist: Wir brauchen nicht mal einen Bootsführerschein! Dafür gibt es eine gründliche Einweisung. Martin lernt gute drei Stunden lang fleißig Schifffahrtszeichen, übt manövrieren – und ich bin dann mal weg. Ich schau mir noch den historischen Stadtkern an. Am Marktplatz öffnet ein Keramik-Museum seine Tore. Schon vor 250 Jahren hat Prinz Heinrich hier eine Fayence-Manufaktur gegründet. Berühmt wurde später die braune Teekanne aus Rheinsberger Produktion. Hab ich nicht auch noch irgendwo eine stehen? Noch immer gibt es zwei Keramikmanufakturen im Ort. Da würde ich gern mal reinschauen. Aber ich muss rasch noch einkaufen für unsere Tour.

Stolz hält mir Martin den Charterschein entgegen. Es kann losgehen! Die 8 Kilometer bis zum Kleinen Pälitzsee sollten wir an diesem Nachmittag noch schaffen. Sacht ablegen, kleine Drehung – na geht doch! Wir fahren noch eine kleine Ehrenrunde zum Schloss. Ich zücke meinen Fotoapparat (nein, kein Handy!) für die schönsten Schloss-Motive und wir schippern mit gedrosselten 12 km/h über den Grienericksee. Wer glaubt, Rheinsberg liegt am Rheinsberger See, der irrt. Der beginnt erst hinter dem Kanal, der beide Seen verbindet. Stopp! Am Hafendorf Rheinsberg möchte ich unbedingt anlegen. Martin schüttelt den Kopf und murmelt was von wegen weit sind wir ja nicht gekommen. Aber die Brücken, skandinavisch-bunten Ferienhäuser und den 22 Meter hohen Leuchtturm muss man einfach gesehen haben. Und ein Hafencafé gibt es hier auch …

Wir stehen vor der Schleuse Wolfsbruch, unsere erste von insgesamt zehn. Martin bleibt ganz cool.

Weiter geht es vorbei an der bananenförmigen Remusinsel mitten im Rheinsberger See. Früher war sie besiedelt, sogar eine Burg soll hier gestanden haben. Martin nimmt Kurs auf den Repenter Kanal, der uns zum Schlabornsee bringt. Der Ort Zechlinerhütte schmiegt sich ans östliche Ufer. Hier gibt’s auch ein Museum über Alfred Wegener. Wegener? Als Kind hat der Meteorologe und Polarforscher hier seine Ferien verbracht. Er entdeckte u. a. die Verschiebung der Kontinente und blieb bei einer Expedition 1930 im ewigen Eis, lese ich im Reiseführer „Seenland Ruppin. Ein Wegbegleiter“. Aha. Wieder was dazugelernt.

Achtung, Martin, nicht die Einfahrt in den Jagowkanal verpassen! Wenig später liegt vor uns der Tietzowsee. Links und rechts Wald, über uns die Sonne und ein paar Schäfchenwolken – ich werde bestimmt schön braun. Und was ist das da oben? Kreist da ein Seeadler? Oder ein Milan? Wo ist das Fernglas?

Kurz hinter der Marina Wolfsbruch wird es aufregend. Wir stehen vor der Schleuse Wolfsbruch, unsere erste von insgesamt zehn. Martin bleibt ganz cool. Gekonnt steuert er uns schließlich in den Hüttenkanal. Wiesen säumen die Ufer. Und dann sind wir schon im Kleinen Pälitzsee, der bereits zu Mecklenburg-Vorpommern gehört. Bei „Boot & Mehr“ gehen wir vor Anker. Hier ist es urig-gemütlich und was Kräftiges gibt’s auch. Juchhu, ich muss nicht kochen. Nach dem Essen gehen wir an Bord und lassen uns ganz sacht schaukeln in die erste Nacht auf dem Wasser. Hätte nicht gedacht, dass so viel Platz ist in der Koje.

Die Nacht war kurz. Wir Großstädter wollten spüren, wie es sich anfühlt, wenn die Natur langsam am Wasser erwacht. Ich genieße meinen heißen Kaffee und lausche der Stille. Wir halten auf Strasen zu. Die Havel teilt den Ort. Und wieder eine Schleuse. Hier drängeln sich gerade ein paar Schiffe. Warten. Ach, wir haben doch alle Zeit der Welt. Martin kommt schnell mit anderen Kapitänen ins Gespräch über das Woher und Wohin. über den Ellbogensee, vorbei am Yachthafen Priepert, der uns vom Hafenmeister auch als Stopp für die Nacht empfohlen wurde, schippern wir die tiefblaue Havel entlang. Nun windet sich der Fluss kurvenreich durch die Landschaft. Dort, wo die Havel breiter wird, schenkt sie uns schöne Seen. Wald ringsum. Hier und da blinken ein paar Häuser durch die Bäume. Herrlich, diese unverbaute Landschaft!

Die Havel hat uns wieder.

Auf der Havel in Zehdenick

Martin hat Hunger. Ich vertröste ihn auf Fürstenberg/Havel, unseren nächsten Stopp. Ich will mir Deutschlands einzige offizielle Wasserstadt ansehen, die drei Seen anmutig in ihre Mitte nimmt. Durch Röblinsee, Schleusenhavel und Baalensee gelangen wir in den Schwedtsee und legen am Stadthafen an. Wir sind quasi mitten im Ort. Wir laufen durch den Stadtpark zum Marktplatz mit der offenen Kirche aus gelbem Backstein. Bevor wir uns hier aber den sieben Meter langer Batikteppich aus den 1960er Jahren anschauen, der wohl der längste in Europa ist, stärken wir uns erstmal im Café. Eine Gruppe Paddler hat die gleiche Idee. Die Kanuten erzählen von ihrer Haveltour und von der Fisch-Kanu- Rutsche in der Priesterhavel gleich hinter der Touristinfo. Dort gibt’s auch einen Biwakplatz. Zurück zu unserer „Moni“ geht’s vorbei am alten Barockschloss, das noch seiner neuen Bestimmung harrt.

Die Havel hat uns wieder. Hinter dem Stolpsee mäandert sie fröhlich durch die Landschaft und wir fragen uns bei jeder Kurve, was uns wohl dahinter erwartet. Bredereiche mit Badestrand und Schleuse kommt in Sicht, einige Kurven später die nächste Schleuse Regow. Beim Schleusen sind wir schon richtige Profis. Und wenn es nicht so voll ist, macht es sogar Spaß. Im einstigen Schleusenwärterhaus hat sich die Ziegenkäserei Capriolenhof mit Hofladen angesiedelt. Ich geh mal rasch an Land! Wusste ich es doch: Martin will den gerade erst erworbenen Ziegenfrischkäse sofort probieren. Aufs Käsebrot schmiere ich ihm auch gleich noch, dass der kuriose Hofname von den lustigen Sprüngen der Ziegen stammt, den Capriolen …

Gleich hinter der Schleuse Schorfheide teilt sich der Fluss: Links geht's Richtung Templin, rechts weiter die Havel entlang nach Mildenberg. Das ist unser Ziel. Vorbei am Gasthaus zur Fähre in Burgwall reiht sich hier ein Mini-See an den anderen – alle mit Namen, die mit „-stich“ enden. Als man 1887 hier erstklassigen Ton fand, schossen Ziegeleien wie Pilze aus dem Boden. Und dort, wo der Ton gestochen wurde, füllten sich die Gruben mit Wasser zu einem einzigartigen Seen-Labyrinth. Zwei der einst 30 Ziegeleien wurden unter Denkmalschutz gestellt und als Ziegeleipark für Besucher interessant gemacht. Den wollen wir uns am nächsten Tag anschauen. Martin nimmt Kurs auf die Marina Alter Hafen – und freut sich auf ein gemütliches Abendessen im Gasthaus gegenüber.

Unsere 8,50 Meter lange „Moni“ schippert uns verlässlich auf der Havel nach Zehdenick.

Die Tour mit der Ziegeleibahn durch das einstige Industriegelände ist toll, noch spannender die Fahrt mit der Tonlorenbahn entlang der Tonstiche. Man kann hier auch selbst Ziegel formen und alles Mögliche machen, doch wir wollen weiter. Unsere 8,50 Meter lange „Moni“ schippert uns verlässlich auf der Havel nach Zehdenick. Halt machen an der Marina und die Stadt mit Schiffermuseum und einstigem Kloster besichtigen? Oder an Bord bleiben? Wir knobeln – Martin gewinnt und hält Kurs auf die Schleuse Bischofswerder. Fast schnurgerade zieht sich hier der schiffbare Vosskanal dahin. Die Havel dagegen fließt rechts von uns im schönsten Zickzack durch die Landschaft. Wir schwenken links ein in den Finowkanal und legen im Stadthafen Liebenwalde an. Landgang. Der Ort hat ein schönes Rathaus und ein Museum im einstigen Knast gleich dahinter.

Wir stärken uns noch am Hafen und dann geht es zurück. Wir könnten zwar mit dem Hausboot noch über Oranienburg, Kremmen, Wustrau und die Fontanestadt Neuruppin in die Drei-Seen-Stadt Lindow (Mark) fahren, doch ab Liebenwalde bis Altfriesack benötigt man einen Bootsführerschein Binnen. Den könnte Martin eigentlich mal machen.

Da ist er wieder, der Stolpsee. Plötzlich pusten dunkle Wolken dicke Wellen auf den See und lassen uns schaukeln. Martin beruhigt mich. Am Schleusengraben in Himmelpfort wollen wir eh anlegen. Nur ein paar Meter sind es zum einstigen Zisterzienserkloster Himmelpfort. Ich traue meinen Augen nicht: Hier wohnt ja der Weihnachtsmann! Mit seinen Engeln beantwortet er im Weihnachtspostamt alljährlich tausende Briefe der Kinder. In der Fischgaststätte lassen wir uns Havelzander schmecken. Noch einen guten Tropfen an Bord zum traumhaften Sonnenuntergang und dann heißt es langsam Abschied nehmen. Morgen früh fahren wir die rund 37 Kilometer nach Rheinsberg zurück. Dann geht es auf Landgang durch die Stadt.

Maria Marggraf

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