Neuruppin am Ruppiner See: Schiffsanleger, Klosterkirche, Parzival

Begegnungen mit einem großen Dichter

Ein Besuch in Fontanes Neuruppin

Ein Streit ist zwecklos! Die einen meinen, Neuruppin zeichne sich durch die reizvolle Lage am gleichnamigen See aus. Andere betonen ihren streng preußischen Charakter und wieder andere verweisen auf ihr vielfältiges kulturelles Leben. Recht haben alle. Seit 1998 trägt Neuruppin den Namenszusatz „Fontanestadt“. Theodor Fontane, der Dichter mit französischen Wurzeln, gehört zu den bedeutendsten Literaten deutscher Sprache. Mit seinen fünfbändigen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ schrieb er sich in die Herzen seiner Leser. Doch nicht nur den Namen hat die Stadt von ihrem großen Sohn, der hier am vorletzten Tag des Jahres 1819 über der Löwen-Apotheke geboren wurde, entliehen. Mit seinem Namen sind auch alle zwei Jahre Festspiele, ein Literatur- und ein Kulturpreis verbunden. Das Jahr 2019 steht nun ganz im Zeichen des 200. Geburtstages des Dichters. Eine Fülle von Veranstaltungen erwartet die Besucher. Ihre Vielfalt wird die Facetten des Lebens und des Werkes von Theodor Fontane zeitgemäß widerspiegeln.

Ebenso facettenreich ist die Stadt Neuruppin. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen. Die Stadt Neuruppin hat eigens eine Fontane-Route entworfen, die es den Besuchern leicht macht, sowohl die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt zu erkunden, als auch markante Punkte der Fontane-Familie zu besuchen. Sie beginnt und endet am Bahnhof Rheinsberger Tor, einem Haltepunkt des Regional-Express RE 6, dem „Prignitz-Express“, auf der Strecke zwischen Berlin (bzw. Hennigsdorf) und den wichtigsten Orten der Prignitz. Auf der Route begegnet man allerdings nicht nur Theodor Fontane, sondern auch anderen historischen Persönlichkeiten, darunter Architekten, Medienmachern und Königen.

So entstand jene in sich geschlossene und dennoch weiträumige historische Innenstadt von Neuruppin…

Da wären zunächst die langen Reihen von Bürgerhäusern, alle fast gleichzeitig Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem verheerenden Stadtbrand von 1787 entstanden. Ein strenges Reglement legte damals die Breite der Straßen, Bauweise der Häuser, Zahl der Geschosse und Fenster fest. So entstand jene in sich geschlossene und dennoch weiträumige historische Innenstadt von Neuruppin, wie wir sie heute noch erleben. Die gleichermaßen strenge und verspielte Stadtanlage bietet Raum für Bürgersinn: kleine Läden, Cafés mit zwei oder drei runden Tischen vor der Tür, viel Blumenschmuck. Dann die drei weiträumigen Plätze, die einst als Aufmarschplätze für die Garnison dienten und heute Grünanlagen, Spielplätze und Orte für Märkte sind. Ein Denkmal für Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. würdigt das Engagement des Herrschers für den Wiederaufbau der Stadt.

Als Fontane geboren wurde, bestand seine Heimatstadt zum größten Teil aus Neubauten, die kaum älter als 30 Jahre waren. Später wird er von „Langeweile“ sprechen, die von dieser am Reißbrett entworfenen Stadtanlage ausgehe. Aber das ist ungerecht, denn die breiten Straßen und großen Plätze verleihen Neuruppin den Charakter einer Residenzstadt, auch wenn sie es nie war. So erhielt die Stadt mit der Pfarrkirche St. Marien und dem Alten Gymnasium beim Wiederaufbau eindrucksvolle repräsentative Gebäude. Beide dienen heute der Kultur. Immerhin hat Carl Ludwig Engel, einer der am Wiederaufbau beteiligten Baumeister, später das klassizistische Antlitz von Helsinki und anderer finnischer Städte geprägt.

Apropos Baumeister: Als Fontane in den „Wanderungen“ über seine Geburtsstadt schrieb, war sie für ihn die „Schinkel- Stadt“, denn der große preußische Architekt wurde ebenfalls hier geboren. Das war im Jahr 1781. Der Vater von Karl Friedrich Schinkel kam in der Folge des Stadtbrandes ums Leben. Viele Jahre seiner Kindheit verbrachte Schinkel buchstäblich auf einem riesigen Bauplatz. Sehr gut möglich, dass so die Leidenschaft für die Architektur in ihm erwachte. Er sollte später der führende Vertreter des preußischen Klassizismus werden. Auch Schinkel wird in Neuruppin mit einem Denkmal geehrt. Die Statue zeigt den Baumeister mit einer Zeichnung in der Hand: ein Entwurf des Schauspielhauses am Berliner Gendarmenmarkt. Als der Knabe namens Theodor Fontane das Alte Gymnasium am Neuruppiner Schulplatz besuchte, war er sicherlich auf jene Bilderbogen versessen, die der Buchdrucker Johann Bernhard Kühn herausgab. Seit 1825 wurden diese bunten Blätter massenhaft in Neuruppin hergestellt. Theodor Fontane schrieb über diese Vorläufer der Illustrierten: „Was ist der Ruhm der ‚Times‘ gegen die zivilisatorische Aufgabe des Ruppiner Bilderbogens?“ Vielleicht haben die darin erzählten Geschichten das Weltbild des jungen Fontane geprägt. Das Museum der Stadt bewahrt die größte Sammlung dieser im Lauf von 120 Jahren entstandenen Blätter. Am Rande des Schulplatzes erinnert eine Porträtbüste an den erfindungsreichen Drucker.

Ausführlich berichtet Fontane in seinen „Wanderungen“ über eine weitere historische Person in Neuruppin. Es war der preußische Kronprinz namens Friedrich, der später als „Friedrich der Große“ in die Geschichte einging. Als Regimentskommandeur übte er sich hier im Kriegshandwerk. Sein damaliges Wohnhaus wurde ebenfalls Opfer des Stadtbrandes von 1787 und steht somit als Erinnerungsort nicht zur Verfügung. Dafür gibt es die „Pförtnertür“, die direkt in den Tempelgarten führt. Prinz Friedrich nahm vermutlich diesen Weg durch die Stadtmauer, um in sein Refugium zu gelangen: Hier baute er Obst an und vergnügte sich mit Freunden. Ein kleiner Tempel erinnert an diese Zeit. Der Tempelgarten entstand auf den mittelalterlichen Wallanlagen, die sich heute noch als breiter Grünzug um die Stadt ziehen. Dieser Grüngürtel führt zu dem von Max Wiese geschaffenen Fontane-Denkmal am Ende der Karl-Marx-Straße. 1907 eingeweiht, ist es das wohl bekannteste und ausdrucksstärkste Denkmal für den Dichter. Auf dem Sockel wurde er als Wanderer verewigt, der kurz innehält, um einen Gedanken zu Papier zu bringen. Man hätte als Betrachter gut Lust, sich dazuzusetzen.

Das Schönste an Neuruppin aber ist die Öffnung zum See hin. Mit einer Promenade, die beim ersten wärmenden Sonnenstrahl im Frühjahr die Menschen ans Wasser lockt und dann bis in den späten Herbst nicht mehr loslässt. Das alles spielt sich rund um das Wahrzeichen Neuruppins, die Klosterkirche St. Trinitatis, ab. Von der Seeseite aus zeigt sie ihre volle Schönheit. Es war Karl Friedrich Schinkel, der beim preußischen König ein regelrechtes Sanierungsprogramm für alte gotische Bauwerke durchgesetzt hatte. Im Jahr 1830 ging er auch in seiner Heimatstadt daran, die Klosterkirche vor dem Verfall zu bewahren und sie möglichst in den ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Doch erst 1906/07 wurde die Kirche mit den beiden Doppeltürmen ausgestattet, von denen man meinen könnte, sie stünden schon ewig dort. Ein Turm lässt sich erklimmen. Er bietet eine Aussicht weit über den Ruppiner See.

Ganz in der Nähe der Klosterkirche fahren die Schiffe ab zu ihren Touren in die Ruppiner Schweiz, nach Wustrau und Lindow (Mark). Aber das ist eine andere Geschichte …

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